Dispositive

Archiv • Museum • Dispositiv
Marc Ries

Die Frage einer Archivierung und Musealisierung von Netzkunst muss sich mit einer Besonderheit von Netzkunst konfrontieren, die unter dem Begriff des „Dispositivs“ Aufklärung erfährt. Der Begriff wurde zuerst in der Filmtheorie eingesetzt, er hilft die – zur bildenden und fotografischen Kunst offensichtliche – Andersartigkeit des filmischen Präsentations- und Rezeptionsprozesses besser in den Blick zu nehmen. Und er beantwortet auch die Frage nach dem „Bewahren und Vermitteln“ von Filmen. Dies möchte ich zunächst ausführen.

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In zweierlei Hinsicht ist Film direkt an das Archiv gekoppelt, ist sein direkter Ausdruck. Zuerst ist Film stets „Dokument“, ist als Aufzeichnung eine Reproduktion von Welt, von Leben, die „in“ ihm sich bewahren und historisieren. Film stellt eine bewegte Sichtbarkeit zur Verfügung, die sich unmittelbar auf die Welt der Dinge und Menschen bezieht, diese in der Aufnahme einsammelt. Dieserart ist das filmische Werk eine in sich geschlossene Menge an „Eindrücken“, an audio-visuellen Daten eines historischen Zeitschnitts. Geboren Ende des 19. Jahrhunderts, dem Jahrhundert der Archive und Museen, verkörpert der Film als Aufzeichnungsmedium per se das Archiv, die Logik des Dokuments.

Zum zweiten ist das Filmische in ein Kontinuum eingelassen, das allen Unterschied zwischen Altem und Neuem auflöst. Dieses Kontinuum baut auf dem Dispositiv auf, darauf, dass der einzelne Film nicht nur als ein solcher, sondern stets als „Kino“ zu denken ist. Denn was soll der singuläre Film sein: sind es die Filmrollen, ist es die Projektion, also ein unkörperliches Sichtbares, ist es die Projektion und die weisse Leinwand, oder aber alles zusammen, die Rollen, die Projektion, die Leinwand und zusätzlich und notwendig ein abgedunkelter Raum und natürlich die in eine bestimmte Blickdisposition eingeordneten Zuschauer? All dies meint der Begriff Kino-Dispositiv. Und erst ein Verständnis all dieser Elemente ermöglicht ein umfassendes Verstehen der Besonderheit des Kinos. Und auch seines Zeit-Kontinuums, das darauf verweist, dass frühere Filme zwar alte Filme sind, es zu ihrer Vorführung aber nicht mehr oder anderes braucht, als das vorhin skizzierte Dispositiv. Natürlich werden auch Filme restauriert, werden sie der Industrie entzogen und in Archiven gesammelt, gibt es vielleicht technische Probleme beim Abspielen, gibt es eigens gegründete „Filmmuseen“, wesentlich jedoch scheint mir, dass in diesen Museen das genau gleiche passiert, wie in jedem beliebigen Kino, die Projektion von Film. Das Dispositiv Kino enthält a priori die Voraussetzungen zu seiner eigenen Musealisierung. Doch kann man diesen Vorgang dann überhaupt noch so nennen?

Wenn das Archivarische, das Museale mit einem Stillstellen einhergeht, mit einem Herausnehmen der Objekte, der Kunst aus ihren alltäglichen Gebrauchs-, Verkehrs-, Erscheinungsbeziehungen und ihrem kontextlosen, solitären Präsentieren, dann trifft das auf Kino sicherlich nicht zu. Es wird mit ihm immer das gleiche „passieren“. Möglicherweise ist die Tatsache des bewegten Bildes hierfür wichtig und kann die Projektion von Bewegungsbildern als das einsichtigste Element dieses Prozesses eingesehen werden: Während Archiv und Museum eine bestimmte museale, archivarische Sichtbarkeit herstellen, die neu und künstlich und auf Stillstand ausgerichtet ist, stellt die Filmprojektion stets die gleiche Sichtbarkeit her. Und das weiss auch jeder Zuschauer, deswegen mag man sich freuen, einen alten, wichtigen und schönen Film zu sehen und bedankt sich auch bei der Institution, die dieses ermöglicht, der Akt des Filmsehens selber ist jedoch vollkommen gleich dem einer beliebigen anderen Projektion. Man kann diesen Akt zwar unterstützen und optimale Bedingungen seines Vollzugs schaffen, die essentielle Erfahrung von Kino wird dies jedoch nicht verändern. Das Musealisieren von Film ist also wesentlich beschränkt auf das Sammeln und die fehlerfreie Technik, das Vermitteln, der Akt der Rezeption ist ununterscheidbar zu einem ganz normalen Kinobesuch. Es ist die gleiche Sichtbarkeit, das gleiche Sehen. Film im Museum bedeutet, dass man das Dispositiv nachbaut, das mag eine für den Kunstbetrieb interessante Geste sein, das Kino kümmert das nicht, es bleibt in seinem Recht, es lässt alle Besucher auch wissen, dass das alles ein bisschen überflüssig ist..., denn wozu gibt es sonst die Kinoorte?

Wenn Filme nun auf Videos und DVDs überspielt werden, treten auch andere Dispositive in Kraft, Player und Monitor und Beamer ermögichen eine vollkommen andere Präsenz, eine mobile Präsenz, nun sind Filme überall einsehbar, zuhause und im alten Museum. Doch gibt es hierbei sicherlich einen ästhetischen und einen dispositiven Verlust, eine Transformation!

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Nun zum Netz. Damit etwas on-line ist, muss es auf einem Server abgelegt sein, muss es eine Domain-Adresse haben, von der aus es im Netz verfügbar ist, von der aus es zum jeweiligen Rechner ausserhalb geholt wird. Server, Domainadresse, Übertragungsmedium, Netzechner mit Browser und GUI, das sind die elemtaren Elemente des Netz-Dispositivs. Ein jedes Netzprojekt gibt es als programmierte physische Entität nur einmal. Als ein solches hat es eine physische Adresse auf einem Server, der „überall“ stehen kann, wichtig ist aber, dass es auf allen Rechnern weltweit, die an das Internet angeschlossen sind, abgerufen werden kann, in Erscheinung treten kann, als Erscheinung „ist“. Und zwar immer, 24 Stunden lang. D.h. auch der User ist vollkommen „flexibel“. On-line meint, dass Daten immer und überall verfügbar sind. Genutzt wird also nicht mehr wie beim Film oder der DVD ein physischer Träger, sondern bloss die „Erscheinung“ eines Programms, das sich selbst ganz woanders befindet.

Ein „Netzmuseum“ für Netzprojekte trifft also zunächst auf die gleiche Problematik wie ein Filmmuseum: Ein Projekt ist (wieder) on-line, aber seine Präsenz unterscheidet sich in nichts von der früheren on-line Präsenz. Ähnlich wie im Kino gibt es eine Kontinuum, das nicht in Frage zu stellen ist. Dieses wirkt sogar noch massiver, da es auf einer Übertragungssitutation aufbaut, die ununterbrochen die Daten verfügbar hält: Das Projekt ist immer da gewesen, warum soll es also auch in Zukunft nicht noch immer da sein. Auch hier treten alle Fragen der Konservierung vor der massiven Evidenz der Daten im Gebrauch in den Hintergrund.

Das Netz folgt in gewissem Sinne einer radikalen Dehistorisierung, Demusealisierung seiner „Objekte“, da alles einmal angelegte immer, zeitlos da sein kann, bzw. überzeitlich da ist. Natürlich ist es zu begrüssen, wenn alte Internetprojekte dank Emulation wieder verfügbar sind, oder einfach Server und Service zur Verfügung gestellt werden, um Projekte, die keine Finanzierung mehr haben, on-line zu halten. Doch das wird im Augenblick des Gebrauchs oder auch nur des Anschauens zweitrangig: Die wiederhergestellte on-line Existenz genügt sich selbst, da sie sich in nichts von ihrer früheren Form unterscheidet. Die Resurrektion schliesst unmittelbar an das alte Leben an. Nicht tritt – wie zumeist in Archiven oder Museen – ein „ergrautes“, patiniertes, ja teils desubstantialisiertes, entfunktionalisiertes Objekt in Erscheinung, sondern das bekannte Gleiche in all seinen Funktionswerten. Das Dispositiv Netz ist aus sich heraus transhistorisch. Und also eigentlich nur bedingt musealisierbar, archivierbar, da diese Operationen eine gewisse Verfügbarkeit, vielleicht auch „Verdinglichung“ voraussetzen, derer sich Netzprojekte verweigern. Natürlich kann man gegen das Dispositiv arbeiten, doch dann bekommt man etwas anderes (ein Netzprojekt auf DVD etwa, oder isolierte Fragmente, die keinen Gebrauch mehr ermöglichen), und will man das?

Das Dispositiv Kino kennt als endliches Produkt den Film, das Dispositiv Fernsehen kennt keine homogenen Produkte, sondern Serien, deren Inhalte wechseln oder auch wiederholt werden können. Jedenfalls sind im Fernseh-Dispositiv die Arbeit eingeschrieben, der Prozess, die Veränderung, die vom System eingebracht werden. Das Dispositiv Internet kennt keine Produkte, keine Serien, sondern „Seiten“. Es ist offensichtlich, dass das zurzeit noch ein Hilfsbegriff ist. Gemeint ist ein Element, das Teil eines offenen Ganzen ist, sich mit anderen Elementen verknüpft und das jederzeit verändert werden kann. Im Gegensatz zur Serie ist dieses Element immer anwesend, so wie alle Millionen Seiten des Netzes immer, zeitgleich da sind. Ein Internetprojekt besteht zumeist aus mehreren Seiten, die der Betrachter abrufen kann, eventuell auch mit ihnen interagieren, sich selbst einbringen kann. Gibt es abgeschlossene Netzprojekte? Im Gegensatz zu Film, Video oder Fernsehserie sind Internetseiten per se unabgeschlossen, sie sind latent auch „andere“. Ihnen ist also die Veränderung als Kondition – Bedingung des Bedingungslosen – gegeben. Hier ist die Netz-Arbeit als ständige Anpassung an die Weiterentwicklungen der Topics im Realen, als permanente Verknüpfung mit anderen Seiten, als Partizipation der User... das ultimative Prinzip der Existenz des Netzes.

Aber kann man Arbeit archivieren, musealisieren? Kann man etwas, das nicht bloss „am Leben“ ist, sondern auch noch sich kontinuierlich verändert, verändern könnte, stillstellen? Neben dem Transhistorischen muss auf die Produktivkraft „Netz“ verwiesen werden, das Netz ist produktiv, wenngleich ohne Produkt. Das Internet ist produktiv, es kennt zwar Werke, Produkte, doch sind diese nie endlich, abgeschlossen, aus dem Produktiven herausgenommen, sie können sich verändern, oder verändern sich in der Interaktion mit dem User sowie unablässig. Diese dynamische Prinzip lässt sich nicht musealisieren. Natürlich wird man „alte“ Seiten an ihrer Graphik, ihrer Programmierung erkennen. Doch solange sie on-line sind, nehmen sie Teil am Ganzen, sind sie vitaler Teil des Netzorganismus. (Und wenn sie „zu“ alt werden und auch sonst eher farblos sind, kann man sie ja immer noch off-line stellen)

Was passiert wenn eine Internetplattform wie THE THING, die ja immer auch den Anspruch hat, zu versammeln, auszustellen, aber auch auch eigenen Content zu generieren, aufhört zu sammeln und auszustellen, weil eine Redaktion nicht mehr finanzierbar ist zum Beispiel. „Man“ will nicht mehr weiter arbeiten und schliesst das Projekt, stoppt die Veränderung. Wenngleich es noch on-line bleiben kann. Es verändert sich nicht, bleibt so wie immer, verändert sich aber auch nicht mehr von Innen. Das Erscheinungsbild bleibt das gleiche, die Arbeit, die Erwartung, die Potentialität jedoch bleibt aus. Man weiss, hier „passiert“ nichts mehr, wenngleich alles das, was passiert, das gleiche ist wie vordem. Also ist alles, was „von früher“ wieder on-line gestellt wird, in gewissen Sinne arbeitslos? Nein, sobald etwas on-line ist, kann es auch wieder in die Veränderung gezogen werden, potentiell nimmt es Kontakt auf zu den anderen Seiten und erwartet vom Betrachter, dass er seiner gebraucht, es ist das offene Möglichkeitsfeld des Internet, das das Stillstellen verunmöglicht.

Da es keinen anderen Raum, keinen musealen Kontext gibt, in welchem das Gesammelte und Ausgestellte als museale Objekte direkt identifizierbar wären, die Präsentation, Erscheinung und die Arbeit stets dort, in dem Netzraum passieren, wo sie immer schon ihren Aufenthalt hatten, bleiben nur zwei Optionen. Entweder man markiert alle Seiten als „konservierte“, was ihrer „Vitalität“ allerdings keinen Abbruch tun würde und bloss ein bedenklicher Hinweis auf Eigentumsverhältnisse darstellt, die gleichfalls dem Netz zuwiderlaufen. Oder aber man „resigniert“ und überlässt das Projekt sich selbst, also dem Netz, dem offenen Ganzen, das stets schon alle Zeiten, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, also die Gleichzeitigkeit für sich reklamierte. Nur dass das Vergangene eben nicht „nur“ Vergangenes ist, sondern stets auch Gegenwart und schon Zukunft.

 

Dr. Marc Ries, April 2008